„Mitleid mit Gehörlosen ist der falsche Ansatz. Die Mehrheitsgesellschaft kann ganz viel von Gehörlosen lernen!“

Annalisa Weyel aus Butzbach

@annatalogy, #generationgrenzenlos

Annalisa Weyel (19) aus Butzbach

Annalisa setzt sich für gegenseitiges Verständnis von Gehörlosen und Hörenden ein. Mit dem Projekt „Wir wollen gehört werden“ organisiert sie inklusive Workshops zur deutschen Gebärdensprache.

Die Muttersprache von Annalisa ist die Gebärdensprache, denn sie ist mit gehörlosen Eltern aufgewachsen. Da sie hören kann, kennt sie beide Welten, die hörende wie die gehörlose. Dass die Mehrheitsgesellschaft sehr viel von Gehörlosen lernen kann, steht für sie außer Frage. Deshalb hat sie sich zum Ziel gesetzt, die Grenze zwischen Hörenden und Gehörlosen zu durchbrechen und sich für Inklusion einzusetzen.

Inklusion – aber wenn, dann richtig!

Inklusion ist Annalisa ein Herzensanliegen. Der Ansatz, dass sich Gehörlose an die Mehrheitsgesellschaft anpassen sollen, Lautsprache erlernen, ohne Unterstützung reguläre Schulen besuchen oder sich daran gewöhnen, nichts zu verstehen, sei aber falsch. Inklusion bedeutet für Annalisa, dass auch Hörende von Gehörlosen lernen. Das heißt nicht nur Gebärden erlernen. Denn sich mit Gestik und Mimik zu verständigen, heißt auch, sich preiszugeben und in der Kommunikation zu öffnen, in Gesprächen voll anwesend zu sein und mit vollem Herzen aufeinander zuzugehen – alles Dinge, vor denen die hörende Welt oft flieht. Dass sie hören kann, empfindet Annalisa zwar als großes Glück, aber sie kennt die gehörlose Welt gut genug, um zu wissen, dass gehörlos sein kein Defizit ist.

„Wir wollen gehört werden“

Zusammen mit ihrer Projektpartnerin Maisaa hat Annalisa deshalb einen kostenlosen Gebärdensprachenkurs organisiert, mit dem Ziel, Gehörlose und Hörende zusammenzubringen. Nach einem rappelvollen Kurs und einer erfolgreichen Weihnachtsfeier waren anfängliche Sorgen, ob das Konzept aufgehe, schnell verflogen. Die beiden bezeichnen das Projekt „Wir wollen gehört werden“ als riesige Bereicherung. Im Moment steht das Projekt aufgrund der Corona-Pandemie still, geplant sind aber weitere Kurse und gemeinsame Freizeitaktivitäten zwischen Hörenden und Gehörlosen, u.a. gemeinsames Tanzen.

#Gebärdenchallenge

Annalisa steht in diesen Zeiten aber keineswegs still. Auf ihrem Instagram- und YouTube-Kanal informiert die Studentin der Germanistik und Anglistik nicht nur über nachhaltiges Leben, faire Mode und Selbstliebe. Sie lehrt dort auch Gebärden und startet Gebärdenchallenges, wie die #30TageGebärdenChallenge. Jeden Tag sollen drei Gebärden erlernt werden, einen Monat lang. Denn selbst wenn Menschen nur wenige alltägliche Gebärden kennen, sei für die Inklusion von Gehörlosen bereits sehr viel getan. Da es in Deutschland einen eklatanten Mangel an Gebärdendolmetschenden gebe, sei es umso wichtiger, die Gebärdensprache zu erhalten und gegenseitiges Verständnis besser zu fördern.

Bei einem Thema des Engagements bleibt es bei Annalisa aber nicht. Als politischer Mensch ist sie in vielen Themenfeldern engagiert und interessiert. Inklusion geht bei Annalisa Hand in Hand mit Feminismus, Ökologie und Antirassismus. Ihr Denken ist also ganz das dieser Generation: grenzenlos.

Kurzinterview

Wofür setzt du dich, abgesehen von Gebärdensprache, ein?

Ich setzte mich für all das ein, was mir wichtig ist. Neben der Gebärdensprache, die aufgrund meiner Geschichte natürlich einen ganz wichtigen Stellenwert in meinem Leben einnimmt, setze ich mich für ein bewusstes, nachhaltiges Leben ein. Das beinhaltet Fair Fashion, bewusste Ernährung, ressourcenschonendes Reisen und vieles mehr. Politische Themen wie Anti-Rassismus, Feminismus und Sensibilisierung gegenüber Menschen mit jeglicher Art von Einschränkungen, vor allem natürlich im Bereich der Gehörlosigkeit, liegen mir auch sehr am Herzen. Auch Themen, die vor allem meine Altersgruppe betreffen, versuche ich immer wieder anzusprechen. Dazu gehören zum Beispiel auch Body-Positivity, Selbstliebe und Selbstfindung.

Was sollte die Politik tun, um mehr für die Inklusion gehörloser Menschen zu leisten?

Die Politik könnte unglaublich viel dafür tun, dass gehörlose und hörgeschädigte Menschen mehr in die Gesellschaft eingebunden werden. Deutschland ist da noch ganz weit hinten. Länder wie Amerika oder auch Schweden sind in dem Bereich tatsächlich die Vorreiter. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass Gehörlose denselben Zugang zu Medien und Nachrichten bekommen wie ihre hörenden Mitmenschen. Es müsste eine Untertitelpflicht für alle Fernsehsender und auch für alle Instagram Videos geben, die ja nun immer mehr als Nachrichtenvermittler genutzt werden. Außerdem müssen viel mehr Gebärdensprachdolmentschende eingesetzt werden. Die Tagesschau wird übersetzt, aber wie sieht es mit Bundestagssitzungen oder Pressekonferenzen aus?

Gerade in letzter Zeit, als wegen Corona jeden Tag unglaublich wichtige Nachrichten geteilt wurden, hat man gemerkt, wie wenig die Gebärdengemeinschaft miteinbezogen wird. Wenn Gebärdensprache durch Übersetzungen im Fernsehen oder auf anderen Plattformen immer sichtbarer wird, werden auch mehr Menschen auf die Sprache und die Kultur dahinter aufmerksam und bilden sich so vielleicht auch eigenständig in die Richtung weiter. Das Bedürfnis seitens der Hörenden Gebärdensprache zu lernen ist groß, es fehlt oft einfach nur an Informationen und Einrichtungen, die diese Sprache vermitteln. Vor allem Dienstleistende, die direkten Kontakt mit Kundinnen und Kunden haben, sollten wenigstens Grundkenntnisse in der Gebärdensprache besitzen. Diese könnte man zum Beispiel bei mehrtägigen Fortbildungen vermitteln.

Auch auf schulischer Ebene könnte man noch so viel verbessern. Wenn man Sonderschulpädagogik mit Schwerpunkt Hören studiert, ist ein Gebärdensprachkurs an den meisten Universitäten nicht vorgesehen. Für mich ist das total unverständlich. Alle Lehrenden, Erzieherinnen und Erzieher in solchen Einrichtungen müssten, meiner Meinung nach, die Gebärdensprache beherrschen. So würde die Kommunikation zwischen Schülerinnen, Schülern und Lehrenden viel reibungsloser ablaufen.

Und das sind nur einige Beispiele. Ich hoffe wirklich, dass sich all diese Dinge in ein paar Jahren zum Positiven verändert haben werden. Doch um etwas zu verändern, muss man den Menschen und der Politik erstmal klar machen, was eigentlich falsch läuft und sie für die Gehörlosigkeit sensibilisieren. Ich hoffe, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann.

Was möchtest du jungen Menschen mitgeben?

Letztes Jahr, als ich gerade mein Abitur abgeschlossen habe, hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich in diesem einen Jahr so viel erreichen und verändern werde. Ich habe mich, so wie die meisten anderen auch, etwas orientierungslos gefühlt. Außerdem dachte ich immer, dass ich eigentlich noch zu jung bin, um wirklich etwas zu verändern, um ein Projekt zu starten oder um mich für so eine große Sache einzusetzen.

Mit der Zeit wurde mir aber klar: Niemand ist zu jung oder zu alt, um Veränderungen hervorzurufen. Jeder Mensch hat seine ganz eigene Geschichte, eigene Erfahrungen, die es wert sind, gehört zu werden. Man muss sich oft einfach nur trauen, die eigene Geschichte zu erzählen und in die Öffentlichkeit zu tragen.

Wenn man einmal merkt, dass man in anderen Menschen etwas auslöst, sie zum Nachdenken oder vielleicht sogar zum Umdenken bewegt, will man gar nicht mehr aufhören. Wir alle Leben gemeinsam auf dieser Welt und es ist so wichtig, dass wir einander zuhören. Die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, wussten noch nicht einmal, dass die Gebärdensprache so verbreitet ist und dass es so viele Gehörlose in Deutschland gibt. Wenn sie sich allerdings erstmal mit dem Thema auseinandersetzen, merken sie auch, wie viel noch getan werden muss. Dann werden sie sensibilisiert für die Probleme und Barrieren, die Gehörlose und Hörgeschädigte in ihrem Alltag überwinden müssen. Und dann wollen sie etwas verändern. Ob das nun erstmal bedeutet Gebärdensprache zu lernen, eine Petition zu starten oder Freunden und Familie davon zu erzählen, ist erstmal egal. Hauptsache, es wird etwas getan. Hauptsache, wir hören nie auf voneinander zu lernen und die Welt mit jeder neuen Erfahrung ein bisschen besser zu machen.

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