„Wenn wir wirklich soziale Gerechtigkeit haben wollen, dürfen wir nicht zulassen, dass im Zuge der Digitalisierung, wichtige demokratische Errungenschaften zurückgenommen werden.“

Orry Mittenmayer aus Marburg

@workingclassjustice, #generationgrenzenlos

Orry Mittenmayer (28) aus Marburg

Orry kämpft mit den Mitteln der Gewerkschaft für soziale Gerechtigkeit. Solidarität und Zusammenhalt sind für ihn keine abstrakten Begriffe, sondern konkrete Mittel seiner politischen Arbeit.

Wie brutal die Arbeitsbedingungen bei Kurierdiensten wie foodora und deliveroo waren, hat der gelernte Buchhändler Orry am eigenen Leib erfahren. Als er sein Abitur nachholen wollte, musste schnell ein Job her. Und foodora war deswegen attraktiv, weil es kaum Einstiegshürden gab. Flexible Arbeitszeiten, viel Bewegung, Arbeiten an der frischen Luft – was zu Beginn verlockend klang, stellte sich schnell als Knochenarbeit heraus. Denn zu der körperlich belastenden Arbeit kamen Umstände wie ein immer vorhandener Zeitdruck und eine daraus entstehende enorme mentale Belastung. Im Stadtverkehr auf dem Fahrrad werden die schnell zu Gefahren für die eigene Unversehrtheit. Auch Arbeitsutensilien stellten weder foodora noch deliveroo zur Verfügung: Für Fahrräder und Arbeitskleidung waren die Kuriere selbst verantwortlich.

Liefern am Limit

Das veranlasste Orry, den ersten Betriebsrat bei seinem Arbeitgeber deliveroo zu gründen – erfolgreich, aber von kurzer Dauer. Wenige Zeit später verkündete deliveroo, nur noch freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu beschäftigen und alle befristeten Verträge auslaufen zu lassen. Mithilfe der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) startete Orry daraufhin die Kampagne „Liefern am Limit“, die sich für die Arbeitsbedingungen in der Lieferdienstbranche stark macht. Auch wenn sich mittlerweile einiges bewegt hat Lieferando stellt mittlerweile Fahrräder und Equipment – besonders in der Corona-Krise zeige sich, wie nötig das Engagement für Arbeiterinnenrechte immer noch sei, sagt Orry. Es werde zu wenig für den Gesundheitsschutz der Mitarbeitenden getan, die besonders in diesen Zeiten höheren Risiken ausgesetzt sind. Deshalb hört Orry nicht auf, gemeinsam mit den Riderinnen und Ridern zu kämpfen, auch wenn er mittlerweile selbst nicht mehr als Kurier tätig ist. Denn noch immer gibt es in der Branche – und allgemein in vielen Teilen der Plattformökonomie – weder Tarifverträge noch eine angemessene demokratische Mitbestimmung der Arbeitnehmenden.

Grenzenlos solidarisch

Innerhalb der Gewerkschaft macht sich der Student der Politikwissenschaften für Aufklärung und Solidarität stark. Seine Aufgabe sieht er darin, Möglichkeiten aufzuzeigen und zu empowern – was zum Beispiel Betriebsräte seien und was diese leisten können, welche Rechte Arbeitnehmenden zustehen und mit welchen Mitteln diese erreicht werden können. Was Gewerkschaft ausmacht, sagt Orry, sei für ihn nicht nur der Mann an der Spitze, der vor die Kameras tritt, sondern die praktische Solidarität mit der Basis – Gewerkschaft von unten sozusagen. Zudem setzt sich Orry für die stärkere Beteiligung von BIPoC in den Gewerkschaften ein. Laut ihm fangen Gewerkschaften bereits an sich in Richtung mehr Diversität zu entwickeln. Und besonders jetzt gilt es, so Orry, sich mit diesen Veränderungen noch nicht zufriedenzustellen, sondern die Strukturen in ihrer Tiefe zu verändern – bis sie so vielfältig und bunt sind, wie die Gesellschaft in der wie leben.

Ein neues solidarisches Bewusstsein

Für Orry ist dieses Engagement für eine offene, bunte Gesellschaft, gegen Rassismus und Diskriminierung auch eine Form des Selbstermächtigung. Der hörgeschädigt geborene Kölner musste seit Kindheitstagen mit Rassismus, der ihm entgegenschlug, umgehen. Viel zu lange, erzählt Orry, habe er das, wie so viele, für seine eigenen Fehler gehalten. Aber das Problem lege tief in den Strukturen unserer Gesellschaft verankert. Auch in seinem antirassistischen Engagement versucht er diese Strukturen grundlegend zu verändern. Soziale Gerechtigkeit und Solidarität in allen Facetten sind Orrys Kernthemen. Er sagt: „Wir brauchen ein stärkeres solidarisches Bewusstsein, gegenüber marginalisierten und ausgebeuteten Menschen. Erst dann können wir von uns behaupten, eine vielfältige, bunte und gerechte Gesellschaft zu sein.“

Kurzinterview

Was inspiriert dich? Hast du Vorbilder?

Mich inspirieren vor allem, all die jungen Schwestern und Brüder die, die BLM Bewegung in Deutschland so vielschichtig organisieren. Und zeigen, sie geben sich nicht mit den aktuellen Zuständen zufrieden. Dabei fordern sie so selbstbewusst, wütend und laut nach mehr soziale Gerechtigkeit, dass ich regelrecht Gänsehaut bekomme. Von wegen die Jugend ist heutzutage unpolitisch.

Ich habe so viele Vorbilder, die kann man vermutlich nicht alle aufzählen. Jedoch gibt es drei Personen, die ich benennen möchte, die eine besondere Faszination auf mich ausübten und mich enorm prägten. Angela Davis, James Baldwin, Ta- Nehisi Coates und Nelson Mandela.

Wie hat sich deine Arbeit in der Corona-Krise verändert?

Vieles musste vor allem in der Anfangsphase digital erledigt werden. Zum Glück ist das jetzt wieder ein bisschen besser geworden.

Was möchtest du jungen Menschen mit auf den Weg mitgeben?

Gebt nicht auf. Solidarisiert euch mit den Schwächsten in unserer Gesellschaft. Organisiert euch. Tretet den Gewerkschaften bei. Zusammen können wir, diese Gesellschaft verändern. Wir können zusammen für eine Gesellschaft erkämpfen, die vielfältig und sozial gerecht ist. Seid voller Liebe, Würde und Stärke.

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