"Was mir die Flucht gezeigt hat ist, wie wichtig Demokratie und Freiheit sind. Dafür muss man kämpfen!"

Qassim Alhumayyer aus Mannheim

@qassim_divo, #generationgrenzenlos

Qassim Alhumeyyer (22) aus Leverkusen

Qassim bekam die Macht von Grenzen bereits früh am eigenen Leib zu spüren. Er überwand sie für ein Leben in Freiheit, für sich und seine Familie. Heute steht er für eine Gesellschaft ohne Grenzen ein.

Qassim Alhumeyyer hat in der politischen Bildungsarbeit für Jugendliche seine Leidenschaft gefunden. In dem Projekt empowered by democracy stärkt er Jugendliche und begeistert sie für demokratische Teilhabe. Denn die Demokratie ist etwas Wertvolles, das man verteidigen muss, keine Selbstverständlichkeit, findet Qassim.

Abitur unter Bomben

Seine Kindheit verbrachte Qassim mit seinen Eltern und seinem Bruder im Zentrum von Damaskus. Nur vier Kilometer groß war der Umkreis, in dem er und seine Familie sich in fragiler Sicherheit befanden – Qassim verlies diesen Umkreis während seiner Jugend nie. Während er sein Abitur absolvierte, hörte er um sich herum die Bomben fallen.

Als er 17 war, beschloss die Familie, ihn und seinen damals 10 Jahre alten Bruder auf den Weg nach Europa zu schicken, da die Situation für beide in Damaskus zu unsicher wurde. Auf der, nach eigener Aussage, turbulenten und sehr anstrengenden Reise waren sie zu Fuß, mit Ruderbooten, mit Bussen und Bahnen unterwegs – keine Zeit für die Angst, nur das Ziel vor Augen. Hierbei war viel Glück im Spiel: manche sind gezwungen zu bleiben, manche brauchen für die Strecke Monate und manche kommen nie an.

Schließlich fanden die beiden Brüder in einem Leverkusener Jugendeinrichtung so etwas wie ein Zuhause. Qassim musste allerdings nach dem Erreichen der Volljährigkeit ausziehen. Zwei Jahre später konnten die Beiden wieder zusammenwohnen. Im selben Jahr fing Qassim an, sich in einem Jugendhaus als Betreuer und Übersetzer zu engagieren. Von dort aus begann sein Weg in die politische Bildungsarbeit.

Politische Bildung ist ein Privileg, das verschwindet, wenn man nicht darum kämpft.

Einen Schlüsselpunkt in Qassims Engagement bildet die Einladung zur Veranstaltung Mit statt Für der Jugendakademie Walderberg. Beflügelt von der positiven Erfahrung, den Diskussionen und der Wertschätzung, die ihm dort entgegengebracht wurde, entschloss er sich, fest bei der Jugendakademie und dem Projekt empowered by democracy mitzumachen. Ein Jahr später gehörte er zum Team. Dort wurde nicht nur über ihn als Geflüchteten gesprochen. Hier fanden sowohl seine Erfahrungen als Geflüchteter, wie auch sein ehrenamtliches Engagement als Betreuer in einem Jugendhaus, Platz. Sein Engagement in der außerschulischen Bildung ist ihm nicht nur deshalb so wichtig, weil er der Gesellschaft etwas zurückgeben möchte. Auch weil darin Themen intensiv behandelt werden können, die in der Schule oder der Familie keinen Platz finden, wie Demokratie und Freiheit, Asyl und Flucht oder Rassismus und Diskriminierung. Vor allem deshalb engagiert sich Qassim für politische Bildungsarbeit. Laut ihm ist sie ein wertvolles Privileg in einer Demokratie, die sich aufzulösen droht, wenn man nicht an ihr arbeitet und sie verteidigt. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit.

„Meine Flucht hat mich politisiert.“

Für sein Heimatland engagiert sich Qassim noch immer. Ein großes Anliegen ist ihm, dass über die Situation in Syrien nicht nur aus deutscher Perspektive gesprochen wird. Die Perspektive der betroffenen Menschen kommt dabei meist zu kurz.  Darum beteiligt er sich an der Initiative visions4syria bei derOrganisation adopt a revolution.Dort sprechen Menschen aus Syrien selbst über das Geschehen vor Ort, über Wünsche und Visionen für die Zukunft. Nicht nur über Geflüchtete sprechen, sondern ihnen auf Augenhöhe zuhören – das ist Qassim ein Herzensanliegen. Denn seine Flucht hat ihn politisiert. Während dieser Zeit begann er über politische und gesellschaftliche Ungleichheiten nachzudenken, über Menschenrechte, Demokratie und Identität.

„Ein Geflüchteter, was ist das überhaupt? Bin ich nur Geflüchteter? Bin ich mehr?“, fragt er sich. Und ob er irgendwann aufhört, Geflüchteter zu sein.

Qassim kämpft für die Demokratie, indem er ihr deren Werte anderen weitergibt.

Seine Passion hat Qassim jedenfalls gefunden. Die Exmatrikulationsbescheinigung des Fachs Medizin liegt bereits in der Post. Jetzt will Qassim die politische Bildungsarbeit auch beruflich weiterverfolgen und Bildungs- und Erziehungswissenschaften studieren. Um Jugendliche so zu empowern, wie er empowert wurde. Und um die Freiheit und die Werte der Demokratie dort zu verteidigen, wo er ein zweites Zuhause gefunden hat – in der politischen Bildungsarbeit.

Kurzinterview

Was inspiriert dich? Hast du Vorbilder?

„Mich inspirieren alle Menschen, die sich für irgendwas einsetzen, sei es gesellschaftlich, politisch oder kulturell, insbesondere die Menschen, die zu den Themen Menschenrechte, Flucht und Migration, soziale Inklusion, Chancengleichheit, Diskriminierung, politische Teilhabe, Freiheit und Demokratie engagieren.

Ich habe viele Vorbilder in vielen Hinsichten meines Lebens. Diese Vorbilder sind viele Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet haben, aber auch Menschen, die ich irgendwo kurz getroffen habe, aber ihren Effekt auf meinem Leben lang geblieben ist.“

Was sind deine aktuellen oder nächsten Bildungsprojekte?

„Anna, eine Freundin von mir, und ich hatten vor, im August ein Seminar zum Thema Heimat auf dem Campus der Heinrich-Böll-Stiftung anzubieten. Allerdings wird das wegen der jetzigen Situation mit der Pandemie wahrscheinlich nicht klappen.

Wegen dieser Situation sind auch alle außerschulischen Veranstaltungen untersagt. Das heißt für mich, dass ich erstmal ein bisschen warten muss.“

Was kann Bildungsarbeit für die Demokratie leisten?

„Die außerschulische Bildung kann mit ihren Angeboten individuelle und kollektive Voraussetzungen für eine demokratische, menschenrechtsbasierte Teilhabe befördern und damit zu einer besseren demokratischen Zivilgesellschaft beitragen.

Außerschulische Bildung kann für geschützte Räume sorgen, in denen junge Menschen frei ihre Meinung äußern können, ohne Anwesenheitspflicht und Leistungsbewertung - und ohne sich als Person rechtfertigen zu müssen. In diesen Settings können junge Menschen einfacher sensible Themen ansprechen, sich Wissen aneignen, vernetzen und über verschieden Fragen austauschen.“

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