„Wie willst du denn Empathie für ein Volk, für einen einzelnen Menschen haben, wenn du eigentlich gar nichts über ihn weißt?“

Sarah Borowik-Frank aus Konstanz, Bildquelle: Biberacher Filmfestspiele

@sarah.borowik, #generationgrenzenlos

Sarah (28) aus Konstanz

Als Vermittlerin der jüdischen Kultur und Künstlerin kämpft Sarah aktiv gegen Antisemitismus. Ihre Mittel dagegen sind Aufklärung und Empathie.

Der Anschlag in Halle an Jom Kippur 2019 war für Sarah Borowik-Frank der Wendepunkt, an dem sie beschloss, sich online aktiv gegen Antisemitismus einzusetzen. Der Schlüssel gegen Ressentiments sei, sagt sie, „Empathie“, die sich nur über Wissen vermitteln lässt, denn „wie willst du denn Empathie haben für ein Volk oder einen einzelnen Menschen, wenn du gar nichts über ihn weißt?“ Für Sarah ist diese fehlende Empathie der Grund, wie durch Unwissen Hass entsteht, aus dem Gewalt erwachsen kann.

Sarah macht jüdisches Leben für die Menschen nahbarer, baut Ressentiments ab und kämpft mit ihrer Kunst gegen den erstarkenden Antisemitismus in Deutschland. Nur durch Nahbarkeit kann Empathie aufgebaut werden und Empathie ist das beste Mittel gegen jegliche Form von Menschenfeindlichkeit: „Wenn wir es schaffen würden, jeden Menschen individuell zu betrachten und uns darauf einzulassen, dann haben wir wirklich das Potential, in einer Gesellschaft zu leben, in der es wirklich Bock macht, zu leben,“ sagt sie.

Sarah Leben ist geprägt von der jüdischen Kultur und der Erfahrung mit Antisemitismus

Sarah Borowik-Frank kam in Zittau in einem Flüchtlingsheim zur Welt. Ihr Vater ist Bildhauer aus Tadschikistan, ihre Mutter Innenarchitektin aus der Ukraine. Sie ist die Enkelin der jüdischen Professorin und Lyrikerin Lia Frank und Nichte des jüdischen Filmemachers Herz Frank. Als Sarah vier Jahre alt war, zog ihre Familie nach Konstanz, da es in Zittau kein jüdisches Leben und keine aktive Gemeinde gab. In Konstanz fand sie in der Gemeinde von Shimon Nissenbaum ein zu Hause.

Sarah war das erste jüdische Kind, das nach dem Holocaust in Zittau zur Welt kam. Dafür wurde ein Baum für sie gepflanzt, dessen Ort streng geheim ist, um ihn vor möglichen Angreifern zu schützen. Für Sarah ist dieser Baum bis heute das stärkste Symbol für die Gefahren, denen jüdische Menschen in Deutschland nach wie vor ausgesetzt sind. Sarah hat auch auf persönlicher Ebene viel Erfahrung mit Antisemitismus machen müssen. Das Flüchtlingsheim, in dem sie geboren wurde, wurde mehrfach attackiert, sie wurde in der Schule gemobbt und einen Tag vor einem Gastspiel ihrer Lesung der Memoiren ihrer jüdischen Großmutter wurde das Fenster des Aufführungsortes eingeschlagen. Als sie beschloss, in der Öffentlichkeit als orthodoxe Jüdin aufzutreten, begann sie mit Krav-Maga - einer israelischen Kampfsportart -, um sich bestmöglich bei Übergriffen verteidigen zu können.

„Wenn die Holocaust-Überlebenden bis zu ihrem letzten Atemzug sagen, wir bringen unsere Geschichte weiter, weil wir verhindern wollen, dass so etwas je wieder passiert, dann muss ich stärker sein, als ich es je war. Und ich glaube, dass wir alle stärker sind als unsere Vergangenheit.“ Mit diesen Gedanken hat sich Sarah zum Ziel gemacht, dem wachsenden Antisemitismus entgegenzutreten und sich aktiv dagegen einzusetzen.

Über die Kunst setzt sich Sarah mit ihrer Herkunft und Religion auseinander und vermittelt die Zeitzeugnisse ihrer jüdischen Vorfahren

Sarah setzt sich auf künstlerische Weise mit ihrer Herkunft und Religion auseinander. Sie ist Malerin, Comiczeichnerin, Schauspielerin, Regisseurin und Poetry Slammerin. Momentan arbeitet sie an ihrem ersten Dokumentarfilm über ihre jüdische Familie und das jüdische Leben in Deutschland mit dem Titel „My Secret Tree“. Sie nutzt auch die sozialen Medien sehr intensiv, um aktiv über das Judentum, seine Kultur und Religion aufzuklären.

Darüber hinaus fungiert sie als Vermittlerin der Zeitzeugnisse ihrer Vorfahren, allen voran ihrer Großmutter Lia Frank, deren Memoiren sie geerbt hat und die sie in Performanceartigen Lesungen an die Menschen heranträgt. Außerdem arbeitet sie als Bildungsreferentin in Schulen, um über die jüdische Geschichte zu informieren und Präventionsarbeit gegen Antisemitismus zu leisten. Sarah vermittelt über das Leben ihrer berühmten Vorfahren, spricht mit den Schülerinnen über den Holocaust und erzählt die Geschichte ihrer jüdischen Gemeinde in Konstanz, die ein einzelner KZ-Überlebender nach dem 2.Weltkrieg wieder aufgebaut hat. Sie möchte außerdem zeigen, wie bunt und vielfältig das jüdische Leben in Deutschland ist.

Wissen vermitteln bedeutet für Sarah auch, herauszufinden, was junge Menschen an der jüdischen Kultur interessiert.Sie bemerkt immer wieder bei ihren Veranstaltungen in Schulen und Unis, dass es nur eine sehr abstrakte Vorstellung des Judentums und der jüdischen Religion gibt, zugleich aber ein starkes Interesse besteht, mehr darüber zu erfahren. Sarah geht es darum, nicht nur prophylaktisch gegen Antisemitismus vorzugehen, sie möchte erforschen, wo man in der Gegenwart ansetzen kann, um Vorurteile gar nicht erst entstehen zu lassen. Daher nutzt sie ihre Arbeit an Schulen auch dazu, zu evaluieren, was junge Menschen über die jüdische Kultur wissen wollen und was sie bewegt.

Sarah vermittelt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, baut Grenzen ab und macht sich für eine friedliche Zukunft stark

Es fällt schwer, Sarah in eine Schublade einzuordnen - und das ist auch gut so: Denn das jüdische Leben in Deutschland ist bunt und vielfältig. Sarah setzt sich unter anderem für die Gleichberechtigung ein und macht sich stark für die Toleranz und Anerkennung der queeren jüdischen Community.

Mit ihrem Credo, das Erinnern an die jüdische Vergangenheit niemals zu vergessen und zugleich dabei in die Zukunft zu blicken, schafft es Sarah, gegen den wachsenden Antisemitismus in Deutschland zu kämpfen. Indem sie jungen Menschen Wissen über jüdische Geschichte, Kultur und Leben vermittelt, setzt sie sich dafür ein, dass Vorurteile gar nicht erst entstehen. Mit ihrer Aufklärungsarbeit schlägt sie eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart schafft damit eine Perspektive für eine friedliche Zukunft. Indem sie auf das Individuum schaut und Empathie erzeugt, schafft sie die Möglichkeit einer friedlichen gemeinsamen Zukunft. Deshalb gehört Sarah zu den 30 unter 30 der Generation Grenzenlos.

Kurzinterview

Was inspiriert dich? Hast du Vorbilder?

Ich habe viele Vorbilder - zum Beispiel Rabbinerin Regina Jonas (*3. August 1902 in Berlin; gestorben 12. Dezember 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau)

Sie war die erste Rabbinerin weltweit und ging damit einen Weg, den zuvor noch keine Frau im Judentum ging. Es war zu ihrer Zeit unmöglich, aber Regina Jonas machte das Unmögliche möglich - sie predigte sogar noch im KZ Theresienstadt und gab den Menschen dort in ihren schlimmsten Stunden Mut und Hoffnung.

Sie lebte in Deutschland und wurde in Deutschland ordiniert. Leider wurde sie in Auschwitz im Alter von 42 Jahren ermordet. Ihre Geschichte war bis in die 90er Jahre verschollen. Heute erinnern nur zwei deutsche Orte an ihren unfassbaren Mut.  Das will ich ändern und rufe deshalb mit dem Hashtag #RememberReginaJonas zu einem grenzenlosen Denkmal auf, das in den sozialen Medien als auch an öffentlichen Orten in ganz Deutschland zu finden sein wird. Wir sprühen mit temporären Kreidefarben ihr Gesicht auf die Straßen dieses Landes um an sie - und ihr grenzenloses Lebenswerk - zu erinnern. Die Fotos davon teilen wir auf dem Account @remember.regina.jonas auf Instagram.

Wie sieht deine tägliche Arbeit aus?

Ich arbeite sehr strukturiert mit einem Jahresplan, Monatsplan, Wochenplan und Tagesplan. Trotz dieser Struktur sieht kein Tag gleich aus, da sich meine Arbeit auch auf aktuelle Nachrichten bezieht. Deswegen lese ich kontinuierlich die Nachrichten aus verschiedenen Quellen aus aller Welt - natürlich mit dem Schwerpunkt jüdisches Leben und Antisemitismus. Ich lese auch regelmäßig Fachliteratur, um meinen LeserInnen noch mehr ExpertInnenwissen zur Verfügung zu stellen - und natürlich, um mich stetig weiterzubilden.
Ebenso suche ich stetig nach spannenden GesprächspartnerInnen für meine Livestreams - Sonntags, 20 Uhr auf Instagram - und bin sehr stolz, dass ich zum “Pride Month” wieder wundervolle Gäste zum Thema “Rabbinerin werden in Deutschland” und “Queeres Judentum” habe.

Mit meinen LeserInnen bin ich im konstanten Austausch und erhalte täglich Wellen an Zuschriften und Kommentaren - leider kann ich nicht alles persönlich beantworten - und bin dankbar, dass ich die Unterstützung meines Sekretariats habe. Meine Community ist sehr bunt, vielfältig und breit interessiert. Das motiviert und inspiriert mich sehr. Es ist schön, diesen angenehmen und respektvollen Austausch zu pflegen.

Zu meinem Alltag gehört es, sehr viele Notizen zu machen. Notizen für Vorträge, Artikel, Videos und lyrische Texte. Dazu kommen die Konzepte für Projekte, Comics… sobald ich kann, suche ich ein Zeitfenster, um einen fertigen Beitrag daraus zu machen. Dazwischen liegen immer mehrere Überarbeitungsphasen.
Ja... *lacht* für ein Künstlerinnen-Leben hört sich das sehr bürokratisch an, nicht wahr? - Aber ich liebe die Phasen, in denen ich ganz in ein Thema, ein Kunstwerk, ein Projekt abtauchen kann. Dann arbeite ich nur daran, bin offline und konzentriere mich komplett auf mein Ziel. Das macht sehr Spaß. Abends bin ich oft Gastrednerin in verschiedenen Live Streams oder Online-Poetry Slams. Das freut mich sehr, denn durch Corona bin ich momentan nur online in Schulen, Universitäten und Bühnen tätig.

Was möchtest du jungen Menschen mitgeben?

Jetzt fühle ich mich alt *lacht* Nee, im ernst - als ich ein Teenie war, hat mir oft der Mut gefehlt, ich selbst zu sein und zu mir zu stehen. Ich wollte so sehr gemocht werden und hatte Angst, dass mich - wie ich bin - keiner mögen wird.
Durch meine Arbeit, mein Engagement, habe ich wundervolle Menschen kennenlernen dürfen - wie euch, das Team von Generation Grenzenlos und die anderen wundervollen “30 unter 30”. Das war jeden Moment des Zweifelns wert. Ich wünsche mir, dass junge Menschen sich auch trauen, sich selbst immer wieder zu suchen - zu finden - zu hinterfragen: “Wer bin ich und wer will ich sein?”

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Im Arbeitsgebiet Demokratie stärken untersuchen wir die Grundlagen unseres Zusammenhalts, machen sie erlebbar, sorgen für ihre Weiterentwicklung und verteidigen sie gegen radikale Gegner. Um dieses Ziel zu erreichen, engagieren wir uns und fördern Institutionen oder Personen, die auf beispielhafte Weise unsere Demokratie stärken. Unsere Handlungsfelder hierfür sind Bildung, Integration und eine aktive Zivilgesellschaft. In diesem Rahmen setzt die Initiative #Generation Grenzenlos den Schwerpunkt auf die gesellschaftlichen Anliegen der jungen Generation.

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